Mittwoch, 25. Mai 2011

Königsetappe

Ein wahrhaft monströser Tag auf dem Rad liegt hinter uns.

Der Tag nach dem Ventoux sollte eigentlich nicht besonders schwer werden, aber man kann sich seine Strecke manchmal nicht aussuchen und so sollte uns gestern der schwerste Abschnitt überhaupt erwarten.

Relativ zeitig deckten wir uns im laragnischen Supermarkt Casino mit Vorräten ein und nahmen die windige Straße Richtung Gap. Kurz vorher bogen wir nach Tallard ab und stiefelten in die Hügel östlich von Gap rein. Wir suchten dort den Ort, wo Marcus' Opa 1947/48 "Freiheitsarbeit" geleistet hat, ein Dienst, der notwendig war, um die Kriegsgefangenschaft beenden zu können. Es zeigte sich sofort am Berg, dass Marcus' Kniesehnenschmerzen ihn stark behinderten, ich fuhr aber mein Tempo und so war nun mal ich derjenige, der oben auf den Bergen etwas warten konnte. Dort kamen schon mal 500 Höhenmeter zusammen und wir blickten auf die Ortschaft Rembaud. Etwas oberhalb suchten wir dann nach dem konkreten Bauernhof, neben dem eine kleine Kapelle stehen sollte. 


Nach einigen Wirren fanden wir das gute Stück, leider war aber niemand daheim, sodass wir mal nach Monsieur Bertram fragen konnten. Trotzdem werden die Fotos bei Marcus' Opa natürlich viele Erinnerungen wach rufen.

Danach ging es eine schöne Abfahrt runter nach Gap und gleich rechts weg zum Col Bayard. 


Das war schon mal ne ziemlich zähe Kante, aber ich kam noch einigermaßen hoch zum Rastplatz (im Schatten!). Als Marcus eintrudelte, verwies er besorgt auf den Mantel seines Hinterrades. Ein Wunder, dass darin ein Schlauch noch Luft halten konnte, so zerschossen war das Ding. 


Die Alternativen waren:
1. Augen zu und durch.
2. Zurück nach Gap, Werkstatt und Tag beenden.
3. In den nächsten Ort rollern und dort auf ein Wunder hoffen.
Wir entschieden uns für die dritte Variante und bekamen das erhoffte Wunder in St-Bonnet-en-Champsaur, einem Nest mit 1500 Einwohnern. Einer von ihnen ist Monsieur Aroux und hatte eine Schwalbe und viel Verständnis für uns übrig. Aber auch das hat natürlich Zeit und Nerven gekostet. Die erhofft flache Anfahrt nach Corps erwies sich dann übrigens als Kletterpartie. Schilder, auf denen 12 % Steigung für die nächsten 3 km angegeben sind, liest man auf einer Nationalstraße doch immer wieder gern.

In Corps also nochmal kurz aufgetankt ... 


... und rein ging es in den Col de Parquetout. 


Ich hatte eigentlich erwartet, dass wir nur den Col de l'Holme fahren müssen, aber die Straße führte uns unerbittlich über den Parquetout und der hatte oben immer mal wieder Rampen mit 14 % in petto. Am Gipfel steht ein Schild mit Höhenangabe, aber selbst danach kamen nochmal 400 Meter Anstieg mit 10-14 %. Du denkst, die Welt hat sich gegen dich verschworen. Aber freu dich nicht zu früh, es kann noch eine grauenhafte Abfahrt geben. Und die gab es. Extrem wellige und schlechte Straße, dafür enorm abschüssig und eng natürlich. Die ganze Zeit auf der Bremse, das nervt. Doch auch diese Abfahrt fand ein Ende, leider kein gutes.

Denn Marcus meldete erneut einen weichen Reifen vorn. Also gepumpt und mit Mühe nach Entraigues rein. Dort haben wir uns am Dorfbrunnen (Eau potable) gelabt und gepumpt und uns Mut zugesprochen. Fehlte ja nur noch der Col d'Ornon.


Wie man am Profil sieht, geht es halbwegs flach bis Le Perier. Auch dort haben wir nochmal gepumpt. Es war schon so spät ... Nach den 4 weiteren Kilometern nach Chalp war dann aber doch noch ein Schlauchwechsel nötig. Du hast dann aber schon keine Kraft mehr, um dich wirklich darüber aufzuregen.

Marcus schöpfte neue Kraft und konnte die letzten 5 km recht zügig hochtreten (11 km/h), ich war froh, dass ich das Hinterrad halten konnte. Ansonsten war ich nämlich total im Eimer. Es wurde auch langsam kalt, die Sonne war schon hinter den Bergen verschwunden und es ging auf 16 Grad runter. Somit konnte ich dann auch nicht die Abfahrt zu unserem Zielort genießen, obwohl die eine glatte 1 verdient hatte: tolle Straße, tolle Landschaft.

In Le Bourg bekamen wir im zweiten Hotel dann ein Zimmer (es war schon halb 9) und waren zufrieden.

Der Tag hat bei 151 km Strecke 8:00:23 h netto gedauert, für Marcus sogar noch 12 Minuten mehr. Wir waren über 11 Stunden unterwegs und sind 2856 Meter geklettert.

Das ist wahrlich die Königsetappe, sie wird nicht zu überbieten sein.

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